Wie systemrelevant ist Lernen?

Barbara Ullenboom schreibt:

Shutdown: Am 16.03.2020 mussten die Schulen in Nordrhein-Westfalen wegen der Coronavirus-Krise schließen. Vorerst sollte es keinen Face-to-Face-Unterricht mehr geben. Die Schülerinnen und Schüler sollen mit Wochenplänen, die ihnen per E-Mail zugeschickt werden sollen, arbeiten. Auch die Arbeitsblätter sollen möglichst elektronisch verschickt werden.

Es hat eine Weile gedauert, bis wir von allen Familien E-Mail-Adressen hatten. Denn die Angabe von E-Mail-Adressen gehörte bisher nicht zu den Anmeldedaten für die Grundschule. Schon bald stellten wir fest, dass es nicht möglich ist, nur per E-Mail mit den Schülerinnen und Schülern zu kommunizieren. Denn nicht alle Familien besitzen einen Computer oder verfügen über einen Internetanschluss. Die meisten Menschen haben zwar mittlerweile ein Smartphone und können damit auch E-Mails empfangen, richtig arbeiten kann man damit jedoch wirklich nicht.

Die Schule aber wurde nur für Kinder geöffnet, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten und keine andere Betreuungsmöglichkeit für ihre Kinder finden konnten.

Aber was ist mit den vielen Kindern aus den Flüchtlingsfamilien?

Einmal pro Woche konnten bearbeitete Aufgaben aus den Wochenplänen in der Schule zur Kontrolle abgegeben und wieder neue Aufgaben mitgenommen werden. Nicht immer kamen alle Aufgaben zurück.

An der Viktor-Schule gibt es zurzeit über 20 Kinder, die mit ihren Familien nach Deutschland geflüchtet sind. Nur ein geringer Teil der Eltern spricht so gut deutsch bzw. ist so alphabetisiert, dass sie ihren Kindern beim Homeschooling in irgendeiner Weise helfen können. Viele dieser Eltern sind sehr bemüht und möchten ihren Kindern sehr gerne helfen, aber mit wenigen Deutschkenntnissen ist das nicht leicht.

Alle Kinder aus Flüchtlingsfamilien sprechen mittlerweile ganz gut Deutsch und die meisten auch besser als ihre Eltern. Das liegt vor allem daran, dass sie täglich in der Schule deutsch hörten und sprachen. Mit der Schulschließung fiel dieses Lernfeld komplett weg. Nun saßen die geflüchteten Familien mit ihren Kindern in ihren Wohnungen und waren auf sich alleine gestellt. Fragen konnten ja nur per E-Mail beantwortet oder alternativ am Telefon besprochen werden. Weder Telefon noch E-Mail sind jedoch das geeignete Medium, wenn man in der Landessprache so unsicher ist. Auch Eltern, die selbst Deutschunterricht bekamen, hatten im Lockdown ja keine Chance mehr, mit ihren eigenen Lehrern etwas zu beraten.

Eine Integration in unsere Gesellschaft braucht viele und direkte Sprachkontakte.

Alle, die schon mal eine andere Sprache erlernt haben wissen, wie schnell man sie wieder verlernt, wenn man sie nicht nutzt. So geht es den Schülerinnen und Schülern aus Flüchtlingsfamilien auch. Ihnen fehlen die Sprachkontakte und der Wiedereinstieg in die Schule wird für sie mit jedem Tag schwieriger werden.

Das alles hat mich sehr bewegt und beunruhigt. Es muss doch irgendwie möglich sein, den Kindern zu helfen. Wie können sie auch jetzt ihre Sprachkenntnisse weiter ausbauen und ihre Aufgaben besser erledigen?

In die Schule dürfen die Kinder nicht kommen. Das muss ich hinnehmen. Verstehen kann ich es nicht. In einem Gespräch mit Pfarrer Wolfgang Willnauer-Rosseck äußerte ich mein Unbehagen und meine Sorge um die Flüchtlingskinder. Wir überlegten gemeinsam, wie unsere Evangelische Kirchengemeinde Xanten-Mörmter schnell und unbürokratisch helfen könnte. Die Gemeinde kaufte fünf Notebooks. Zwei der Notebooks werden Familien zur Verfügung gestellt, die keinen Computer haben. In Gesprächen mit der Stadt Xanten und dem Arbeitskreis Asyl wurde ein kleines Lernbegleitungs-Projekt initiiert.

Nun können an vier Tagen der Woche jeweils maximal sechs Kinder morgens in der Zeit von 9.30 Uhr bis 11.00 Uhr ins Evangelische Gemeindezentrum kommen und dort an den Notebooks und anderen Computern arbeiten. Betreut und begleitet werden die Kinder von zwei Lernpaten. Diese Lernbegleitung ist erstmal bis zu den Sommerferien geplant und wegen der Einhaltung der Hygiene- und Abstandsbestimmungen auf zwölf Kinder begrenzt. Doch benötigen noch sehr viel mehr Kinder so eine Lernbegleitung.

Gerne würden wir unser Projekt der Lernbegleitung nicht nur weiterführen, sondern sogar ausbauen. Hierzu braucht es jedoch noch zusätzliche Räume und Menschen, die sich für das Projekt einsetzen und verantwortlich fühlen. Denn bestimmt ist es auch bei anlaufendem Schulbetrieb nötig, Kindern den Anschluss im Lernstoff zu erleichtern und ihre Computerkompetenz zu stärken. Niemand weiß heute, mit wie viel „Normalität“ wir durch den Winter kommen. Im Interesse der Kinder kann ich nur hoffen, dass nicht nochmal ein Shutdown sie so abhängt.

Wer sich an dem Projekt Lernbegleitung beteiligen möchte oder weitere Informationen wünscht, meldet sich bitte im Gemeindebüro: xanten-moermter (at) ekir.de oder direkt bei Barbara Ullenboom: barbara.ullenboom (at) ekir.de.

Barbara Ullenboom

Kommentare sind geschlossen.